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Die faszinierende Geschichte des Olivenbaumes

Eines Tages brach auf dem Olymp ein bitterer Kampf zwischen Athena, der Göttin der Weisheit, und Poseidon, dem Gott des Meeres, aus in Bezug auf den Besitz der Halbinsel Attika. Wie es in solchen häufigen Fallen üblich war musste Zeus einschreiten, und er schlug daher den beiden Gegnern Folgendes vor: Wer der Menschheit das nutzvollste Geschenk brachte, welches es überhaupt gab, war der Sieger. Der zornige Poseidon stieß seinen Dreizack in den Felsen der Akropolis und lockte eine riesige salzige Fontäne hervor; Athena hingegen brachte Zeus eine kleine immergrüne Pflanze mit silbernen Blättern und setzte sie dort, wo es lange heiße Sommer und wenig Regen gab: Es handelte sich um den unsterblichen Olivenbaum, welcher dem Menschen den außergewöhnlichen Saft seiner Früchte schenkt, aus dem er Nahrung, Kraft, Gesundheit und Schönheit gewinnen kann. So entschied Athena den Zwist für sich und wurde von Zeus belohnt, in dem er ihr Attika schenkte. Aber nicht nur in der griechischen Mythologie gibt es Geschichten und Legenden, in denen der Olivenbaum eine große Rolle spielt; als die biblische Urflut beendete und Noah eine Taube aus der Arche ließ, kam sie am Abend zurück und trug in ihrem Schnabel einen frischen Olivenzweig. Dieser deutet auf den Bund, welcher zwischen Gott und allen Wesen aus Fleisch auf der Erde geschlossen wurde. Der Olivenbaum, das “Geschenk der Götter”, beinhaltet eine ausgeprägte Symbolik, die unerschüttert die Zeit der historisch-kulturellen Transformationen überlebt hat: Von den Stämmen aus Israel in der Wüste bis zu den Versammlungen der Bürger von Athen, von der Macht des Römischen Reiches bis zu den mittelalterlichen Abteien, die als Hüter des Wissens in den dunklen Jahrhunderten dienten, von der Industriellen Revolution bis zu den schweren Krisen der Weltkriege hat der Olivenzweig immer seine tiefe Bedeutung beibehalten.

Ikonographisch ist er auf den Toren des Tempels Salomons dargestellt, aus Oliven- und Zederholz war nach der christlichen Tradition das Kreuz, das Jesus trug, und für die Ismaeliten symbolisierte dieser “Heilige Baum” ewige Gastfreundschaft und das Paradies.

Einer der wichtigsten Aspekte der kulturellen Kraft des Olivenbaums ist seine geographischen Verbreitung, obwohl er auch schaffte, außerhalb des Mittelmeerraumes gewisse Einflüsse auszuüben. Antike Kulturen, welche keinen Olivenbaum hatten, beweisen, dass er immer etwas Positives vermittelte; nach einer alten chinesischen Tradition wirkt Olivenholz gegen Gifte, in Japan symbolisiert er Sieg, Erfolg beim Lernen und in jeder Art von Unternehmen, und in der Shintoistischen Mythologie ist Öl das ursprüngliche “Wasser”, aus dem Welt und Mensch entstanden. In den Zivilisationen des Mittelmeeres hatte das Olivenöl eher die Konnotation eines Mittels zwischen Mensch und Gott: Es wurde in denRiten angewendet, um die Anerkennung der Macht Gottes über den Menschen zum Ausdruck zu bringen, die Ägypter verwendeten ihn als Balsam, die katholische und jüdische Liturgie schrieben vor, alle Lampen, welche die Anwesenheit

Gottes in den Kirchen und Synagogen bezeugten, mit Olivenöl zu speisen. Das Olivenöl stellt aber auch eine Geschichte gewöhnlicher, alltäglicher Gegenstände der Antike dar, welche Vasen für aromatische Parfüme sind, Lampen und Ölständer mit wunderschönen dekorativen Elementen und Behälter aus Ton oder Keramik. Ihre Verzierungen beinhalteten alte Zeichen, die symbolische Funktionen hatten und die über Jahrhunderte gleich blieben.

Wahrheit und Mythos verleihen dem Olivenöl die Faszination und die Wichtigkeit, die es heute in unserem Leben hat: Es ist im Grunde genommen nicht so wichtig, ob einige Menschen es lediglich als Nahrungsmittel betrachten und andere ihm vieles mehr zuschreiben, ob die Trends der Mode es als so begehrt wie einen Spitzenwein betrachten oder man ihm ein gewöhnliches Pflanzenöl vorzieht; Tatsache ist, dass seine aufregende Geschichte, die majestätische Größe der Bäume, die Langlebigkeit die sich der Ewigkeit nähert – man behauptet, dass die Bäume auf dem Getsemani, dem Ölberg bei Jerusalem, unter gebetet hat, immer noch die gleichen sind – und sein ausgezeichneter Geschmack und Aroma es zu einem der Renner unserer Zeit gemacht haben. Die Prozedur der Ernte ist sehr mühselig da es notwendig ist, alle Oliven mit der Hand zu pflücken; eine Variante besteht aber darin, sie mit Stangen von den Ästen zu schlagen und auf Auffangnetze fallen zu lassen. Innerhalb von 24 bis 48 Stunden nach der Ernte müssen die Oliven zur Ölmühle gebracht werden, wo sie zuerst gereinigt werden und dann zwischen zwei schweren Marmor- bzw. Granitwalzen zu einem Brei zermahlen werden; heute verwendet man vorwiegend hydraulische Pressen, ohne aber Hitzezufuhr oder Chemikalien. Die durch dieses Verfahren erstgewon nene Emulsion aus Öl und eigenem Wasser wird in eine Zentrifuge gebracht, die beiden Bestandteile voneinander trennt. Das Produkt das dadurch entsteht ist ungefiltertes, leicht trübes und geschmacksintensives kaltgepresstes Olivenöl. Anschließend wird es gefiltert. Folgende Merkmale muss das Öl haben, um als erstklassig bezeichnet werden zu können: Es darf maximal 1 Gramm freie Fettsäure pro 100 Gramm enthalten, sollte in dunklen Flaschen aufbewahrt werden, da es sehr lichtempfindlich ist und seine optimale Farbe ist goldgelb. Grüne Öle weisen darauf hin, dass man entweder Olivenblätter mitgemischt hat oder dass die Ernte stattfand, als die Früchte noch nicht ganz reif waren, mit der Folge eines bitteren Geschmacks. Keinen Einfluss auf die Qualität des Olivenöls hingegen nimmt die eigentliche Densität (Grad der Flüssigkeit); es werden nämlich, je nach Klimazonen, Bodenbeschaffenheit und Olivenart, verschiedene Olivenöl sorten erzeugt, welche sich durch Dickflüssigkeit, Aromen und Duftvarianten unterscheiden.

Was den Geschmack anbelangt gibt es mildere, saurere und intensivere Öle, wiederum von der Baumsorte und der Produktionsgegend abhängig; jedenfalls sollte ein gutes Ölmild und weich sein, ohne dass eines der Geschmackselemente dominiert und seine Eigenschaften müssen erlauben, dass bei den Gerichten die das Olivenöl begleitet, es niemals deren Eigengeschmack übertönt.

Im Mittelmeerraum sind ca. 150 verschiedene Olivenbaumsorten vorhanden: Sie erreichen eine Höhe von 16 m, können 1000 Jahre alt werden, brauchen ca. 20 Jahre bevor sie die begehrten Früchte tragen, deren Fleisch 15 bis 35% Öl enthält und reich an ungesättigten Fettsäuren, Vitaminen (hauptsächlich Vitamin E), Mineralstoffen und Spurenelementen ist. Solche wichtigen Bestandteile wirken gesundheitsfördernd auf unseren Organismus: Sie senken nämlich den Cholesterinspiegel im Blut mit der Folge eines geringeren Risikos des Herzinfarkts und der Arterienverkalkung, verlangsamen den Alterungsprozess, lindern Schmerzen, glätten und schützen empfindliche Haut und fördern das Gedächtnisvermögen. Athena behielt doch Recht: Der Olivenbaum ist sicher eines der nutzvollsten Geschenke für die Menschheit ist, das es überhaupt gibt.

Kurze Geschichte des Karnevals

Anno 1094 in der Chronik von Doge Vitale Faliero erwähnt, war der Karneval schon ein internationales Fest das von Anfang Oktober bis zum “Martedi Grasso” (dem letzten Tag des Faschings) dauerte; Pausen waren die Advents und die Weihnachtszeit.

Das Maskentragen ist angeblich ein bisschen jünger, da es erstmals in einem Gesetz aus dem Jahre 1286 genannt wird, welches das Bewerfen von Vorbeigehenden mit Eiern seitens vermummter Menschen ausdrücklich verbietet. Aufführungen und Veranstaltungen fanden in den damals zahlreichen Theatern statt und Venedig war ein Weltzentrum des “Entertainments”.

Während des Faschings – eigentlich vom 26. Dezember bis zum Faschingsdienstag – war fast alles erlaubt: Das Sich-Verbergen können, eine andere Identität zu haben, die verschiedenen “Gansspiele” und ein Narrenverhalten.

Im Jahre 1162, anlässlich des Sieges Venedigs über Ulrich, den Patriarchen von Aquileja, wurde groß gefeiert; für seine Wiederentlassung und die der zwölf mitgefangenen Kanoniker verlangte die Republik einen Tribut in Höhe eines Stieres und zwölf Schweinen, welche wohl die Festgenommenen symbolisieren sollten. Seit damals feierte Venedigam Giovedi Grasso immer wieder diesen Sieg und zwar mit einer Jagd auf einen Stier und auf Schweine, mit Feuerwerken die tags aus der “Macchina”, einer hölzernen Abschussrampe, starteten, mit Akrobaten, Attraktionen, Spektakeln, Aufführungen und öffentlichen Konzerten. Einer der beliebtesten

Darbietungen war die menschliche Pyramide, ein lebendes Gebäude auf einem über zwei Boote gelegten Brett, das Krieg, Kampf, List und Frieden symbolisierte.

Die Athleten bildeten bis zu acht “Stockwerken” und bekamen mit der Zeit vom Volk und von den damaligen Chronisten besondereNamen wie “Der stolze Imperator”, Der Koloss von Rhodos, “Der kämpfende Löwe” oder “Der siegreiche Fürst”. Ebenfalls sehr gefragt und bedeutungsvoll war der “Engelsflug” aus der Turmstube des St. Markus Glockenturmes. Wie bei allen Volksfesten gab es aber auch gewisse Probleme und Konflikte: Eines davon stellten die immer häufigeren Missbräuche derVerwendung der Masken dar (Gewalttätigkeitsdelikte dank der Anonymität, Zutritt in die Nonnenklöster usw.), was den Rat der Zehn mehrmals veranlasste, Geldstrafen und sogar bis zu zwei Jahren Kerkerhaft zu verhängen.

Für die Herstellung der Masken griff man zu den verschiedensten Materialien: Leder, Ton, Porzellan, Keramik, Pappmaché und Wachsleinwand erforderten immer wieder neue Techniken und schon um 1600 war die Kunst der “Mascareri” – der Maskenbildner – in voller Blüte.

Aber auch die Masken offenbarten die Kluft zwischen Reich und Arm, zwischen Prunk und Elend; die der Adeligen waren aus Gold und Silber mit Edelsteinen geschmückt und wirkten oft als beleidigend für die anderen Bevölkerungsschichten.

Das veranlasste den Magistraten die Entscheidung zu treffen, Strafen in Höhe von 100 Dukaten zu verhängen und die Beschlagnahmung der wertvollen Kleider zu veranlassen.

Im Jahre 1617 im Zuge der Mode, prunkvolle Empfänge und üppige Feste zu veranstalten, organisierte Ippolito D’Este ein Privatbankett mit 54 Gästen, 291 Tellern, 15 Zuckerstatuen, 17 Gängen und insgesamt 145 Gerichten. Eine wichtige Rolle spielte im Karneval das Puppentheater, dessen berühmteste Vorstellung im 17. Jh. stattfand und zwar vom Abate Labia aufgeführt.

Die “Karneval-Regatta” warebenfalls ein Erlebnis: Der Canal Grande wurde zum Amphitheater umgestaltet, die Ufer mit allegorischen Plastiken flankiert zur Erinnerung an die römische Mythologie, die Paläste wurden mit prunkvollen Tapisserien verziert ebenso wie die Gondeln, die Brücken und die Landestege. 90 Boote mit ca. 200 Mann Besatzung nahmen an den Wettfahrten teil und kämpften für den Sieg.

Die Maske hat eigentlich ihren Ursprung in der Antike. Sie wurde in den uralten heiligen Riten und Kulten angewendet, stellte Geister und die Seelen der Verstorbenen dar, diente zu Kriegszwecken um den Feind zu erschrecken und spielte in der religiösen Welt eine Schutzfunktion. Das Wort kommt aus dem Lombardischen und heißt sowohl “Seele” als auch “Gesicht”.

Die typische venezianische Maske ist die “Bauta”: Sie ist weiß und besteht aus einer schwarzen Kapuzeaus Samt oder Seide, aus einem “Tricorno”, dem Dreispitz und einem langen Mantel, dem Tabarro, oft mit aufwendigen Spitzen verziert.

Die Bauta ist eine wirkliche Verkleidung, in der man völlig unerkennbar ist. Eine zweite typische Maske Venedigs ist der “Domino”, eigentlich spanischen Ursprungs, die einer Mönchskutte ähnelt, mit Umhang und breiter Kapuze. Weiters gelten als traditionsreiche Masken die Hauptfiguren von Goldonis “Commedia dell’Arte”: Arlecchino, Pantalone, Brighella, Colombina, Pulcinella und der Pestarzt. Nach jahrhundertelangen Feierlich keiten verbot Napoleon, der Venedig erobert hatte im Jahre 1797 den Karneval; einige Jahre lang setzten die Adeligen in ihren Palästen diesen Brauch fort, bis wann er vollkommen in Vergessenheit geriet.

Es vergingen ca. zwei Jahrhunderte bis zur offiziellen Wiedereröffnung des venezianischen Karnevals im Jahre 1979. Zur Wortgeschichte der Festbezeichnung “Karneval” oder “Fastnacht” gehören verschiedene volkstümliche Etymologien.

Das Fest hieß im Lateinischen nichtnur “carnelevamen” oder “carnisprivium” sondern auch “Bacchanalia”, da es sich der Bezeichnung aus der römischen Tradition bediente. Dies bedeutet nämlich “Bacchus-Fest” und wurde veranstaltet zu Ehren des Weingottes Bacchus. Da dieser Gott gewöhnlich auf dem Fass sitzend dargestellt wird, spricht man von einer “Fass-Nacht”.

Vom Sprachwissenschaftlichen her aber kann man feststellen, dass die üblichen Bezeichnungen “Fastnacht”, “Fasching” oder “Karneval” mit ihren verschiedenen Ableitungen lediglich die Fastenzeit voraussetzen oder auf sie bezogen sind.

Eine weitere diesbezügliche Interpretation aus dem christlichen Glauben führt zum Lateinischen “carne levare” – vom Fleisch lassen – zurück und meint damit den Tag vor der Fastenzeit, den Abschied vom Fleisch, das man am Abend vor dem Aschermittwoch zu sich nahm.

Der Flug des Löwen

Inkognito in der von gespenstigen Figuren erfüllten Nacht des Karnevals zwinkert das rechte Auge von Lord Fiddlebottom, der unter vermummten Gestalten in den “Calle” fieberhaft Colonel Bubble

sucht; auf der anderen Seite des Canal Grande versteckt sich in dem Schatten einer Renaissancesäule Agent X mit seiner finsteren Vergangenheit, der ebenfalls vorsichtig nach Madame Zsa Zsa sucht, die längst gefeierte Ballerina im Gran Teatro La Fenice, um ihr die Geheimdokumente zu überreichen.

Und der glückslose Botschafter irrt mit einer Gondola umher und versucht, dieses Agententreffen zu verhindern. Das Spiel der Narren kennt keine Grenzen der Fantasie und die Serenissima hat keine Angst vorm Fliegen; eher wirft sie sich in das bunte Universum des Karnevals als wirbelnde Tänzerin in einem verrückten Ballett. Der Mythos lebt noch einmal auf, die Vergangenheit erwacht, das Geheimnis der Illusion herrscht überall, Träume, Wünsche und Sehnsüchte haben freie Hand und die Welt der Masken feiert in moderner Form die alten Riten der vorklassischen Kulturen. Viva il carnevale! Es lebe der Karneval! Bunte Gestalten färben den Nebel und die Fassaden der prunkvollen Paläste, Tüll und Konfettispritzer schweben in der Luft, flüchtende närrische Figuren gehen leicht über die Brücken der Lagune, mit Seide übersät, mit feinem Brokat, Samt und ätherischen Federn. Wie in einem “goldenen Pavillon” lebt die Maskerade und ruft Bilder ihrer Geschichte voll Parodie, Exoti schem und Erotischem ins Leben zurück, jenseits der Grenzen der Phantasie, jedoch den Ansprüchen unserer Zeit Beachtung schenkend: der Pose, der Zurschaustellung und der Mode.

Tag und Nacht auf dem “Piazzetta”, damaligem Mittelpunkt des Karnevals der Venezianer, vor der Kolonnade der Neuen Prokuratien und den stillen gewundenen Kanälen entlang feiert Venedig in aller Pracht die Verkleidung und den Scherz, das Inkognito, die Lustbarkeit und das Chaos. Dieser Karneval ist mehr als eine Parole für kulturelle Veranstaltungen, ist anders als faszinierender Hauch von Poesie zwischen Kerzen und Marmor: Er stellt die   Verwandlung einer jahrhundertealten Tradition dar in der, durch die Maske, die Stadt-Insel ihr zweites Gesicht zeigt, nämlich jenes des Sich-Verbergens, des Unbekannt-Bleibens und jenes einer anderen Identität. Der “Sior Maschera” tritt auf, schwarz-weiß zwischen verzierten Bugpartien der Gondeln, mit “Bauta” und “Volto”, oder die Kappe vom Kopf bis zu den Schultern und die weiße Wachsmaske, die Mund und Kinn überdeckt; dazu der weite dunkle Radmantel, der die Figur noch mehr anonymisiert.

Das “mystère” ist damit gesichert, Rendez-vous von Liebhabern werden ermöglicht und zarte Liebesworte ausgetauscht im reizvollen Klima des Verbotenen.

Auch die “Commedia dell’Arte” belebt wieder die riesige Bühne der Plätze und Straßen durch jene lustigen Personen, die der Kömodiendichter Carlo Goldoni internationalisierte.

Elektrisch und histrionisch mimen die Masken des “Venedig der Dogen” die ersehnte Narrenfreiheit: Harlekin und Brighella oder‚ die Intrige’, Pantalone, Colombina, der “Arzt der Pest” und die allgegenwärtige Pulcinella. Daneben toben alle möglichen Allegorien der sogenannten “verkehrten Welt”: Melancholie und Tod, Spielkartennarren, Pierrots und Clowns, von Seifenblasen und hochnäsigen Pfauen begleitet, märchenhafte Wesen der Traumwelt, Könige der dunklen Seite des Mondes als magische Symbole des Unbekannten im ewigen Konflikt zwischen Gutem und Bösem, und unruhige Anhänger der “apocalypse now”.

Szenen werden improvisiert, um Protagonisten des eigenen Theaterstücks zu sein, um das Alter-Ego zu befriedigen und einmal nicht sich Selbst zu sein und um das Publikum zu amüsieren. Fotografiert zu sein ist Verpflichtung und jeder Zuschauer lässt die Kamera schwitzen und aufnehmen, sodass er eine Woche später den zum Tee geladenen Freunden vor einer Leinwand stolz sagen kann: Schaut, ich war auch da; sind es nicht tolle Bilder? Auch wenn Venedig durch die vierzehn Tage Fasching jedes Mal ein paar Millimeter in die zitternde Lagune sinkt, muss es sich der “Raison d’Etat” des Geschäftes opfern. Angebote aller Art, ob per Flugzeug, Bahn oder Auto, mit oder ohne Übernachtung, Voll-oder Halbpension, Maske inklusive werden von den Reisebüros gemacht, die alljährliche Streiterei des Faschingskomitees der Stadt um mögliche Lösungen zu finden, die gewisse Überfüllungsprobleme vermeiden könnten, ist nunmehr fast zur Folklore geworden und die Touristen, die trotz allen Warnungen doch mit dem Wagen hinfahrenmöchten, träumen von Wundermitteln, um das Auto in die Tasche zu packen, da einen Parkplatz zu bekommen völlig unmöglich ist.

Die Cafés sind überfüllt, ein Besuch bei “Florian” wird zum Erlebnis; man trinkt einen “Cappuccino” odereinen heißen Punch um sich zu wärmen, ein paar lustige Sprüche widerprallen zwischen alten Gemäuern und dann wirft man sich wieder mit vollem Schwung in das unglaubliche Karussell der Lebensfreude, des Trubels, der Lust an Anmut und Schönheit, der geheimnisvollen Rollen, der Mächte des Jenseits, der Liebe und der Zierlichkeit in einer Orgie von Farben und Gestalten. Was am Eröffnungs-Sonntag feierlich anfängt wird am “Giovedi Grasso”, dem Faschingsdonnerstag, fortgesetzt und hält unvermindert an bis zum Faschingsdienstag, dem letzten Höhepunkt des Narren treibens. Aufführungen jeder Art werden in dem historischen Theater dargeboten und oft verwandelt sich die Bühne in Audience und die Audience in Bühne, in der glitzern den Atmosphäre eines elitären soirée, wo die Kostüme der Zuschauer zur echten Darstellung werden. Anderswo, in der einmaligen Choreographie des St. Markus Platzes wird “Magie” erzeugt: Ein Merlin verzaubert alles was in seiner Reichweite ist, ätherische Feen schweben zwischen Türmen, Arkaden und Lauben mit ihren durchsichtigen langen Tüllschleiern, und das Erwachen der prunkvollen Vergangenheit der Seerepublik nimmt mit den phantastischen Verkleidungen des Schauspiels noch einmal Gestalt an.

Man trifft den St. Markus Löwen mit gewaltigen Flügeln und den schwarzen eifersüchtigen Othello, die “Contessa” in der alten Robe, den “Hamburger” der tatsächlich einen heißen Hamburger isst und sogar die Coca-Cola Flasche. Das Alte und das Neue mischen sich, ebenso wie das Klassische und das Moderne in einer zeitlosen Welt von Träumen,Märchen, Realität und Verrücktheit.

Merkwürdig ist jedoch der nicht einfache Übergang von der Vergangenheit ins Heute, die “Recherche de les temps perdu” als Mythos für wenige im Gegensatz zu den Anforderungen der Mechanismen der Konsumgesellschaft, die ohneweiteres das Vergängliche noch vergänglicher macht, als Mythos für alle. Die polemische Seite der verwandelten Tradition herrscht natürlich auch, wegen der Massenparty, die Stadt für einige Tage den Venezianern wegnimmt, und wegen des Müllberges aus Papierfetzen, Dosen und leeren Flaschen, die am Aschermittwoch auf allen Gassen und Plätzen zu finden sind. Und die Venezianer erleben den Karneval nicht ganz mit und denken gerne an die goldene Ära vor Napoleon Bonapartes Verbot 1797 zurück, als alles echt und “signorile”, also edel war. Schön oder weniger schön, Tatsache ist, dass der heutige Karneval in Venedig als eine der weltberühmtesten Veranstaltungen des Winters gilt. Sei es wegen der reichen prunkvollen Geschichte der einst mächtigen Stadt und ihrer Faszination, sei es der Wunsch, in dem immer wieder umstrittenen Durcheinander der Menschenmassen mitmachen zu wollen und für wenige Stunden nicht mehr dies oder jenes “Ich”, sondern die maskierte Figur aus dem Fabeluniversum der Kindheit zu sein, schenkt die “Serenissima” allen und zehn Tage lang die geeignete Bühne für das eigene Theaterstück. Dann ist der Aschermittwoch da und alles verschwindet wieder.

Venedig Dienstagnacht: Zersplitterte Reflexe von weißen Lampen zucken im Wasser, Gerüche nach Salz und zersetzten Mauern füllen die Luft, Chöre von Engeln widerprallen in den engen Kanälen und flüchtige Schatten tauchen auf und verschwinden wieder zwischen den Bögen der alten Paläste.

Heckverzierungen von Gondeln diedie Luft sägen, Fassaden vom Nebel verschluckt, voller Legenden und altem Charme und das letzte Echo eines beendeten Phantasiefestes: Der Karneval ist vorbei, was bleibt, ist eine Wiese Konfetti.

Gianni Lercari

 

Datteln – Das Brot der Wüste

Phoenix dactylifera: so mythisch wie der berühmte Vogel aus der Asche klingt der botanische Name der Dattelpalme. Sie ist eine 5000 Jahre alte Pflanze, die in den heissen und extrem

trockenen Ländern zu Hause ist und deren Früchte die Urvölker der Wüste das Brot der Wüste nannten. Durch die Dattelfrucht war das Überleben auch in unwirtlichen Regionen gesichert. Dattelpalmen haben seit jeher die Fantasie des Menschen beflügelt, denn bei dem Genuss von Datteln schweifen die Gedanken zu den Oasen der endlosen, sandigen Wüsten und zu den imaginären Klängen des Orients. Das Märchen von der Dattelpalme und der Ziege ist eine der ältesten Sagen, die in Persiens Pahlavi-Sprache von der alten iranischen Kultur zeugt. Dabei geht es um einen verbalen Wettstreit zwischen einer Dattelpalme und einer Ziege. Es gilt, die Überlegenheit der eigenen Fähigkeiten und Nützlichkeiten zu beweisen.

Nach vielen Argumenten und Gegenargumenten siegt am Ende die Ziege, weil sie sich bewegen kann, während die Dattelpalme an die Erde gebunden ist. In Sprüchen und Lebensweisheiten der Völker des Nahen und Mittleren Ostens wird der Phoenix dactylifera oft gehuldigt.

«Die Datteln sind reif abzubrechen», sagen die Araber, wenn sie ausdrücken wollen, dass ein günstiger Augenblick für eine Handlung oder für eine Unternehmung gekommen ist. Diese Weisheit zeigt, welche Bedeutung dieser Baum mit seinem schlanken Stamm und seinem imposanten Federbusch in ihrer Geschichte hat. Dattelfrüchte waren schon im Altertum bekannt und seither fester Bestandteil von Religion und Geschichte. Einer alten Sage nach soll Allah bei der Erschaffung des Menschen auszwei übrig gebliebenen Lehmstücken das Kamel und die Dattel erschaffen haben. In der Bibel ist die Dattelpalme als Baum des Lebens das Symbol für Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit. Im alten Ägypten schrieb man der Dattelpalme die Gabe der Fruchtbarkeit zu. Die Karthager prägten sie auf ihre Münzen und bei Griechen und Römern war sie das Symbol des Siegers. In der Moderne bedienten sich selbst berühmte Musiker der Faszination dieser exotischen Frucht: «Aranci, datteri» – Orangen, Datteln – singen im zweiten Akt von Puccinis La Bohème die Strassenverkäufer. Die Dattel, das wunderbare Geschenk der Natur, gehört zu den ersten Früchten, die kultiviert wurden. Anfänglich mit Mühe, da die Dattelpalme eine diözische Pflanze ist, das bedeutet, dass sie entweder männlich oder weiblich ist und dementsprechend weibliche Blüten oder männliche Pollen trägt. Weil der Wind die Bestäubungsfunktion übernimmt, ist in einem Hain eine gleiche Anzahl von fruchttragenden weiblichen wie fruchtlosen männlichen Bäumen notwendig. Diese natürliche Befruchtung erwies sich bald als unwirtschaftlich, deshalb trugen die Oasenbewohner die Pollen von den männlichen zu den weiblichen Blüten, um deren Befruchtung zu fördern.

Heute sind weltweit mehr als 1500 Dattelsorten bekannt, die sich durch ihr Fruchtfleisch, ihre Farbe, ihren Zuckergehalt und ihr Aroma unterscheiden. Sie werden mit modernen Techniken kultiviert, geerntet und auf den internationalen Märkten gehandelt. Die meisten Dattelpalmen tragen saftige, zuckerreiche, dickfleischige Früchte, die sowohl getrocknet als auch frisch verzehrt werden. Das Wort Dattel stammt vom Griechischen dactylos – Finger – ab, und ist eine Anspielung auf die lang gestreckte Form der Frucht. Diese enthält neben Zucker, Mineralstoffen und Spurenelementen grosse Mengenvon Kalzium, Magnesium und Eisen.

Die bekanntesten Dattelsorten sind: Medjool, Deglet Nour, Ameri, Deri, Halawi und Zahidi, Berhi und Hiann. Sie unterscheiden sich aufgrund ihrer Formen, Farben und ihres Geschmacks.

Von rund bis oval, von blond bis dunkelbraun, von sandfarbig bis gelb-orange besitzen die Datteln, je nach Sorte, eine erstaunliche Aromenvielfalt, die an Mokka, Karamell, Nougat, Schokolade, Vanille oder sogar an Marzipan erinnert.

Datteln sind auch heute noch die klassische Nahrung der Wüstennomaden, denn sie sind lange haltbar und selbst bei Erschöpfung gut zu essen, weil sie weich, feucht und dazu leicht verdaulich sind. In Westeuropa kennt man die Früchte meistens in getrockneter Form. Vollständig ausgereift und von Zuckerbäckern veredelt, wird sie zur wahren Verführung. Die Dattel ist ein Allrounder, ob als Zwischenmahlzeit, als Energiespender beim Sport, als Zutat zum Fruchtsalat, mit Frischkäse gefüllt oder als Bestandteil einer Torte. Datteln schmecken einfach köstlich!

Gianni Lorenzo Lercari